Glossar

Prāṇa

Prāṇa bezeichnet im Yoga das Wirkprinzip von Lebendigkeit und Bewegung, das Atem, Wahrnehmung und geistige Aktivität miteinander verbindet.

Definition

Prāṇa bezeichnet im Yoga das Wirkprinzip von Lebendigkeit, Bewegung und Verbindung. Es steht für die Kraft, durch die Atem, Körperfunktionen und geistige Prozesse miteinander in Beziehung treten.

Hintergrund

Der Sanskrit-Begriff prāṇa wird häufig mit „Lebensenergie" übersetzt. Diese Übersetzung ist jedoch verkürzend. In klassischen Yogatexten bezeichnet Prāṇa kein messbares Substrat, sondern ein funktionales Prinzip: das, wodurch Bewegung, Wahrnehmung und Regulation möglich werden.

In den Yoga Sūtras des Patañjali erscheint Prāṇa vor allem im Zusammenhang mit Prāṇāyāma als Mittler zwischen Körper und Geist. Auch in Upaniṣaden und späteren Haṭha-Yoga-Texten wird Prāṇa als ordnende Kraft beschrieben, die sich im Atem besonders deutlich zeigt, aber nicht auf ihn reduziert werden kann.

Prāṇa wirkt dort, wo Veränderung geschieht: im Atemfluss, in Aufmerksamkeit, in Übergängen zwischen Aktivität und Ruhe.

Bedeutung für die Praxis

Für die Yogapraxis ist entscheidend: Atem ist Ausdruck von Prāṇa, aber nicht mit ihm identisch. Atemlenkung wirkt im Yoga deshalb nicht primär mechanisch, sondern über ihre Auswirkung auf Wahrnehmung, Nervensystem und geistige Ausrichtung.

In der Krishnamacharya-Tradition und im Viniyoga wird Prāṇa funktional verstanden. Praxis wird so gestaltet, dass Atem, Bewegung und Aufmerksamkeit miteinander koordiniert werden. Ziel ist nicht, Prāṇa zu „steigern", sondern es auszugleichen, zu beruhigen oder zu klären – abhängig von Situation und Ziel.

Auch für Meditation spielt Prāṇa eine zentrale Rolle: Ein ruhiger, freier Atemfluss unterstützt Sammlung des Geistes (citta) und reduziert die Dynamik der geistigen Bewegungen (citta-vṛtti). Prāṇa wirkt damit als vermittelndes Prinzip zwischen äußerer Übung und innerer Erfahrung.

Literatur

  • Olivelle 1998 – Früheste textliche Kontexte des Prāṇa-Begriffs als Lebens- und Wirkprinzip.

  • Mallinson & Singleton 2017 – Historische Einordnung von Prāṇa in klassischen Yoga- und Haṭha-Texten.

  • Mohan & Mohan 2017 – Funktionale Darstellung von Prāṇa im Zusammenhang von Atem, Nervensystem und Praxiswirkung.

  • Satchidananda 1978 – Kommentierende Einordnung von Prāṇa im Kontext von Prāṇāyāma und geistiger Sammlung.

  • Desikachar 1995 – Praxisnahe Beschreibung der Beziehung von Atem, Prāṇa und individueller Anpassung.