Fachartikel zu Viniyoga
ViniyogaOnkologieKrebs

Yoga bei Krebserkrankungen in Forschung und Praxis

Viniyoga-orientierte Begleitung für Yoga-Lehrende in der Onkologie

Nikola Knorr, Wolfram Michallik

Inhalt

Einführung: Was Yoga in der Onkologie leisten kann

Yoga ist in der Onkologie und nach medizinisch begründeter Forschung kein „Nice-to-have", sondern kann – gut angepasst – ein sehr wirksamer Baustein der Begleitung sein. Die Forschung ist am stärksten bei Brustkrebs, doch die Praxisfelder sind breiter: beispielhaft beleuchten wir die onkologischen Themen Lunge (Atemkomfort, Atemangst, geringe Belastbarkeit) und Prostata (Beckenraum, urogenitale Themen, Langzeittherapien, Privatheit) verlangen jeweils eine eigene Unterrichtslogik. Dieser Artikel bündelt den aktuellen Stand so, dass du ihn im Unterricht unmittelbar nutzen kannst.

Dieser Beitrag richtet sich an Yoga‑Lehrende mit Grundausbildung, die Yoga im onkologischen Kontext verantwortungsvoll unterrichten und über Wirkung sprechen möchten, soweit sie belegbar ist. Medizinische Entscheidungen (Diagnostik, Therapie, Bewegungsfreigaben) liegen beim Behandlungsteam; Yoga begleitet – es ersetzt keine medizinische Behandlung.

Systematische Übersichten und Leitlinien zeigen vor allem Verbesserungen bei Lebensqualität, krebsassoziierter Erschöpfung (Fatigue), Schlaf sowie psychischer Belastung (z. B. Cochrane-Übersichten zu Brustkrebs und Fatigue; Leitlinie der Society for Integrative Oncology und ASCO zu Angst/Depression; Bewegungs-Konsensuspapiere für Krebsüberlebende). Das sind genau die Felder, die im Yogaunterricht häufig als „eigentliches Problem" auftauchen – auch dann, wenn Teilnehmende zunächst über Beweglichkeit oder Schmerzen sprechen.

Für uns als Yoga-Lehrende ist entscheidend: Onkologische Yogapraxis gelingt selten über „viele Übungen", sondern über Passung. Viniyoga bietet dafür eine klare Methodik: Krama (schrittweise Dosierung), Dosis vor Form, und Integration als Kern. Die äußere Form kann dabei sehr schlicht sein – entscheidend ist, dass sie sukha ermöglicht: stimmig, atmungsfreundlich, erinnerbar.

Ein Wirkfaktor, der im Krankheitsprozess oft unterschätzt wird, ist Selbstwirksamkeit: das Erleben, durch eigenes Tun einen spürbaren Einfluss auf das eigene Befinden zu haben (Bandura, 1977). Gerade in einem Kontext, der von Kontrollverlust geprägt sein kann, wird Yoga dann stark, wenn es nicht „mehr Leistung" fordert, sondern Handlungsspielraum eröffnet: ein Atem- oder Lagerungsanker, eine Mini-Heimpraxis, eine modulare Stunde, die an schlechten Tagen kleiner werden darf, ohne ihren Sinn zu verlieren.

Take-aways für die Praxis

  • Baue nach Symptomprofil, nicht nach Diagnose. (Schlaf, Fatigue, Atemkomfort, Schmerz/Schutzspannung, Stand-/Sicherheit.)
  • Patient:innen mit Lungenkrebs brauchen zuerst Atemkomfort – nicht Atemtechnik. (Position, Rhythmus, Integration.)
  • Patient:innen mit Prostatakrebs brauchen funktionale Beckenarbeit – schamsensibel und neutral gerahmt.
  • Kontinuität schlägt Intensität. Eine 6-Minuten-Praxis, die wirklich gemacht wird, ist oft wirksamer als ein umfangreiches „Programm".
  • Integration ist Intervention. Nachspüren ist kein Abschluss, sondern Teil der Regulation.
  • Sicherheit entsteht durch Leitplanken, nicht durch Verbote. Klare Stop-Regeln, Wahlfreiheit, und bei Bedarf Rücksprache mit dem Behandlungsteam.

Wie du den Artikel nutzt

Warum ein Fachartikel zu Yoga & Krebs?

Onkologie ist in unserer Unterrichtsrealität längst angekommen

Wir begegnen Menschen mit Krebserfahrung heute nicht mehr nur „vereinzelt", sondern regelmäßig: in offenen Gruppen, in Einzelbegleitungen, in Kursen mit sehr gemischten Biografien. Dazu passt die epidemiologische Realität: In Deutschland werden weiterhin sehr viele Neuerkrankungen registriert – und zugleich leben mehr Menschen länger mit oder nach Krebs. Der Bericht „Krebs in Deutschland für 2021–2023" (15. Ausgabe) des Robert Koch-Instituts (RKI) / Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) fasst Inzidenz, Prävalenz und Überlebensdaten bis 2023 zusammen.

Für uns als Yoga-Lehrende folgt daraus weniger „Spezialisierung", sondern eine professionalisierte Selbstverständlichkeit: Wir brauchen eine belastbare Sprache, klare Leitplanken und eine Praxislogik, die in sehr unterschiedlichen Phasen (Diagnose, OP, Chemo-/Strahlentherapie, antihormonelle Therapie, Reha/Survivorship, Rezidiv/Metastasierung, Pallivphase) verantwortungsvoll trägt.

Worum es in der Praxis fast immer geht

Wenn Menschen mit Krebserfahrung zu uns kommen, bringen sie selten „das eine Thema" mit. Häufig begegnen uns Symptom-Cluster:

  • Fatigue / Erschöpfung (oft nicht proportional zur Belastung)
  • Schlafstörungen
  • Angst, innere Unruhe, Grübeln
  • Schmerzen, Steifigkeit, Bewegungseinschränkungen (OP-Folgen, Narben, Schonhaltungen)
  • Atemthemen (Dyspnoe, Enge, "ich kriege nicht richtig Luft")
  • und sehr oft: der Wunsch nach Selbstwirksamkeit – etwas zu haben, das heute möglich ist

Das Entscheidende ist: Die Tagesform schwankt. Und mit ihr muss unsere Dosierung schwanken dürfen, ohne dass die Praxis beliebig wird.

Was wir über Yoga bei Krebs seriös sagen können

Aus wissenschaftlicher Sicht wird Yoga in der Onkologie vor allem als supportive (unterstützende) Maßnahme untersucht – nicht als tumorrelevante Therapie. Die robustesten Outcomes betreffen Lebensqualität und Symptomlast.

Zwei hochwertige Referenzpunkte, die wir als „Evidenz-Geländer" nutzen können:

Krebsassoziierte Fatigue (CRF): Der Cochrane‑Review Messer et al., 2025 kommt zu einer nüchternen, aber praxisrelevanten Aussage: Yoga nach einer Krebstherapie reduziert Fatigue wahrscheinlich leicht im kurzen Zeitfenster (bis ca. 12 Wochen nach dem Programm). Während einer Anticancer-Therapie ist die Evidenzlage für Fatigue deutlich unsicherer.

Brustkrebs: Für Frauen mit Brustkrebs liegt die dichteste Studienlage vor. Der Cochrane‑Review Cramer et al., 2017 berichtet u. a. moderate Evidenz für Verbesserungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und Reduktion von Fatigue und Schlafstörungen im Kurzzeitbereich (je nach Vergleichsgruppe). Gleichzeitig zeigt er auch die Grenzen: „Yoga" wird in den Studien in sehr unterschiedlichen Settings durchgeführt, so dass die Ergebnisse nicht immer vergleichbar sind. Besonders interessant sind für uns ausdrückliche Viniyoga-Settings.

Für uns als Lehrende ist daran besonders hilfreich: Diese Outcomes sind genau die Felder, in denen wir ohnehin arbeiten – mit Bewegung, Atemführung, Aufmerksamkeitslenkung, Entspannung und dem Aufbau einer machbaren Routine.

Warum gerade hier unsere Didaktik zählt

Onkologie fordert uns didaktisch heraus, weil die Spannbreite groß ist: zwischen „ich kann heute fast nichts" und „ich will endlich wieder Kraft aufbauen", zwischen „ich halte Spannung kaum aus" und „ich brauche etwas, das mich weckt", zwischen „ich will Ruhe" und „ich will nicht in mich hineinspüren".

Wenn du Menschen mit Krebserfahrung unterrichtest, ist meist nicht die Frage, ob Yoga sinnvoll ist, sondern wie du so anleitest, dass die Praxis

  • machbar bleibt (auch an schlechten Tagen),
  • regulierend wirkt (nicht zusätzlich stresst),
  • sicher bleibt (ohne Angstpädagogik),
  • und eine kontinuierliche Praxis wahrscheinlicher macht.

Praxiswissen aus der Linie: Was erfahrene Kolleg:innen konkret tun

Sehr wertvoll sind Berichte aus der eigenen Yoga‑Praxislandschaft, weil sie zeigen, wie Anpassung unter realen Bedingungen aussieht.

Im Interview mit Dr. Ingrid Kollak (Soder, Dalmann & Kollak, 2011) wird z. B. beschrieben, wie Yoga unmittelbar nach einer Brustkrebs‑OP unterrichtet wurde – in einem offenen Klassenformat, mit Einstieg auch ein bis zwei Tage postOP. Besonders praxisnah sind drei Punkte:

  • Arm-/Stützlast dosieren: Manche Āsanas wurden für alle so angeboten, dass die Arme nicht durch Körpergewicht belastet werden – explizit mit Blick auf Wundheilung und Lymphfluss.
  • Rückenlage als sicherer Start: Der Unterricht begann vorsichtig in Rückenlage, damit die Teilnehmerinnen „ankommen" konnten – inklusive ganz praktischer Aspekte wie dem sicheren Ablegen eines Redonbeutels.
  • Regulation ist sichtbar: Kollak beschreibt eindrücklich den Wechsel von „freundlich, aber unkonzentriert/abwesend" hin zu deutlich mehr Entspannung und Konzentration – eine Teilnehmerin nannte die neu hinzukommenden Frauen anfangs „Irrlichter".

Diese Art von Beobachtung passt genau zu dem, was die Forschung als relevante Outcomes beschreibt (Distress, Schlaf, Fatigue, Lebensqualität) – und sie hilft uns, Unterricht so zu gestalten, dass er im Alltag ankommt.

Was sagt die Forschung zu Yoga bei Krebs?

Der große Rahmen: Yoga wird als supportive Maßnahme untersucht

In der onkologischen Forschung wird Yoga überwiegend als supportive (unterstützende) Intervention untersucht – also mit dem Ziel, Symptome und Lebensqualität zu verbessern, nicht Tumorverläufe zu „behandeln". Genau deshalb sind die in Studien gemessenen Endpunkte für unseren Unterricht so anschlussfähig: Fatigue, Schlaf, Angst/Depression, Distress, Schmerz, Beweglichkeit, Atemkomfort und allgemeine Lebensqualität.

Gleichzeitig lohnt ein nüchterner Blick auf die Begrifflichkeit: „Yoga" ist in Studien nicht immer klar definiert, Programme reichen von sehr sanft/restorativ bis körperlich fordernd; Sicherheits- und Anpassungsdetails sind oft knapp berichtet. Das ist ein zentraler Grund, warum wir als Lehrende unsere Didaktik und Dosierungslogik so präzise brauchen (Cramer et al., 2017).

Wo die Evidenz am stärksten ist: Brustkrebs

Wenn du nach einer „Leitentität" suchst, um eine Unterrichtslogik evidenzbasiert zu begründen, führt in der Forschung kein Weg an Brustkrebs vorbei.

Cochrane‑Review Brustkrebs: Der Review von Cramer et al., 2017 fasst randomisierte Studien zu Yoga bei Frauen mit Brustkrebs zusammen und berichtet u. a. Verbesserungen in gesundheitsbezogener Lebensqualität, Fatigue und Schlaf im Kurzzeitbereich – abhängig von Vergleichsgruppe und Setting. Gleichzeitig wird deutlich: Studien sind heterogen, und Sicherheit wird nicht immer systematisch ausgewertet.

Große pragmatische randomisierte kontrollierte Studien (nicht viniyoga-spezifisch): In einer großen, multizentrischen Studie mit 410 Teilnehmenden zeigte ein standardisiertes Yoga-Programm (YOCAS®) gegenüber Standardversorgung u. a. eine Verbesserung der Schlafqualität bei Krebsüberlebenden (Mustian et al., 2013). Solche Arbeiten sind wertvoll, weil sie typische „Real-World-Bedingungen" abbilden: Gruppenformat, manualisierte Anleitung, mehrwöchige Intervention.

Biomarker-Ebene (Brustkrebs‑Survivors): In einer randomisierten kontrollierten Studie mit Brustkrebsüberlebenden wurde neben Fatigue und Stimmung auch Entzündungsmarker betrachtet; Yoga zeigte u. a. Effekte auf Fatigue und Stimmung sowie Hinweise auf Veränderungen entzündungsbezogener Marker (Kiecolt-Glaser et al., 2014). Für unsere Praxis ist das weniger als „Biochemie-Argument" interessant, sondern als Hinweis: Regulierte Bewegung + Atem + Entspannung kann messbar auf stress- und entzündungsassoziierte Systeme wirken.

Yoga parallel zur Strahlentherapie: In einer RCT während der Radiotherapie bei Brustkrebs zeigte die Yoga-Gruppe Vorteile u. a. in Lebensqualität (Chandwani et al., 2014). Das ist für die Unterrichtsrealität relevant, weil viele Menschen nicht „nachher", sondern mitten in der Therapie zu uns kommen – und wir dann besonders dosieren und stabilisieren.

Viniyoga-spezifische Pilotdaten: Für die Viniyoga‑Linie ist die Arbeit um Littman, Cadmus‑Bertram und McTiernan wichtig, weil sie ein manualisiertes Viniyoga-Programm bei Brustkrebsüberlebenden untersucht hat (Littman et al., 2012) – inklusive eines klaren Praxisziels (regelmäßige Heim-Praxis plus angeleitete Einheiten). Die Studie ist kleiner als die großen Multicenter-RCTs, aber sie passt in ihrer Logik sehr gut zu dem, was wir unter Adaption und „machbarer Regelmäßigkeit" verstehen.

Jenseits von Brustkrebs: solide Inseln und viele Pilotstudien

Neben Brustkrebs gibt es zunehmend Studien in anderen Tumorgruppen – oft kleiner, manchmal sehr praxisnah, aber insgesamt heterogener.

Prostatakrebs

Während Radiotherapie: Eine randomisierte kontrollierte Studie während der Radiotherapie bei Prostatakrebs (und überwiegend auch Brustkrebs) zeigte Vorteile von Yoga gegenüber Standardversorgung u. a. auf Fatigue und Lebensqualität (Vapiwala et al., 2017). Diese Studie ist hilfreich, weil sie zeigt: Auch bei Männern und in belastenden Behandlungsphasen können manualisierte Programme machbar sein.

Perioperativ (vor/nach Prostatektomie): Ein Pilotstudie mit zufälliger Zuteilung (randomisiert) untersuchte Yoga vor und nach Prostatektomie und berichtete Verbesserungen in Bereichen von Lebensqualität und psychischem Befinden; außerdem wurden immunologische Parameter exploriert (Mansour et al., 2021). Für unseren Unterricht ist hier vor allem der perioperative Kontext spannend: Menschen kommen häufig mit sehr konkreten Funktions- und Belastungsthemen, und Yoga muss dann extrem gut „dosierbar" sein.

Lungenkrebs (NSCLC) / Atemkomfort

Hier sind viniyoga-nahe Programme besonders interessant, weil das Leitsymptom häufig Dyspnoe/Atemnot und ein belastetes Atemgefühl ist. Eine Pilotstudie mit einem standardisierten Viniyoga-Protokoll untersuchte u. a. Breathing Ease, Dyspnoe-Erleben und Funktionsparameter und beschreibt das Setting als gut durchführbar (Fouladbakhsh et al., 2013).

Hämatologische Erkrankungen

Ein älteres, häufig zitiertes Beispiel ist eine randomisierte Studie zu einem tibetischen Yoga-Programm bei Lymphompatient:innen, die u. a. Verbesserungen in schlafbezogenen Outcomes beschreibt (Cohen et al., 2004). Auch wenn das kein Viniyoga ist: Es zeigt sehr früh, dass Yoga-Elemente (Atem, sanfte Bewegung, Entspannung) gerade dort greifen können, wo Schlaf, Stress und Erschöpfung im Vordergrund stehen.

Kopf-Hals-Tumoren / „Dyadische" Ansätze

Neuere Programme binden Angehörige/Partner:innen ein (dyadische Ansätze). Eine RCT untersuchte z. B. dyadisches Yoga bei Kopf-Hals-Tumoren im Kontext der Radiotherapie (Milbury et al., 2024). Für uns als Lehrende ist das ein Hinweis, dass Beziehungs- und Unterstützungssysteme (zu Hause) zunehmend als Teil der Intervention verstanden werden – und dass Heim-Praxis nicht nur „individuelle Disziplin" ist, sondern oft ein soziales Setting braucht.

Welche Outcomes sind in der Forschung am stabilsten?

Wenn wir die Outcomes bündeln, ergeben sich aus Reviews, großen RCTs und Leitlinien immer wieder ähnliche „robuste Felder":

  • Schlaf: sehr gut anschlussfähig an Unterrichtsformate mit Atemlenkung, sanfter Mobilisation, Entspannung (z. B. Mustian et al., 2013).
  • Fatigue: bei Krebs eine Kernproblematik; Effekte sind oft moderat, aber klinisch bedeutsam, weil schon kleine Veränderungen im Alltag spürbar sein können (Messer et al., 2025).
  • Angst/Depression/Distress: Yoga wird hier in integrativ-onkologischen Leitlinien explizit als Option genannt bzw. empfohlen – abhängig von Kontext und Symptomprofil (Atreya et al., 2023).
  • Lebensqualität: ein Sammel-Outcome, das in vielen Studien verbessert wird, besonders in Brustkrebs-Settings (Cramer et al., 2017; Chandwani et al., 2014).

Was wir als Lehrende aus Studiendesigns lernen können

Ein paar Muster kehren in vielen Studien wieder – und sie helfen uns, Unterricht realistisch zu planen:

  • Manualisierung + Anpassbarkeit: Gute Studien nutzen feste Protokolle, lassen aber Modifikationen zu. Das passt hervorragend zur Viniyoga-Logik: Prinzipien bleiben stabil, die Form wird angepasst.
  • Kombination aus Gruppenformat und Heim-Praxis: Viele Programme setzen auf 1–3 angeleitete Einheiten pro Woche plus Heim-Praxis. Viniyoga-Programme in den Pilotstudien formulieren das oft explizit als „Praxisziel" (Littman et al., 2012).
  • Dosis ist nicht „mehr ist besser": Gerade in belastenden Therapiephasen ist nicht Intensität, sondern Regelmäßigkeit mit guter Regulation entscheidend. In der Praxis heißt das: lieber kleine, zuverlässige Sequenzen (10–25 Minuten) als ambitionierte Stunden, die nach zwei Wochen abbrechen.
  • Outcomes sind symptomnah – und damit unterrichtsnah: Die wichtigsten Endpunkte liegen nicht im „Spitzenathlетik-Bereich", sondern in Schlaf, Erschöpfung, Stimmung, Atemkomfort und alltagsbezogener Funktion. Das legitimiert unseren Fokus auf Atemführung (Prāṇāyāma), sanfte Vinyāsa-Logik, Entspannung und Aufmerksamkeitslenkung.

Viniyoga-Perspektive: Warum diese Methodik in der Onkologie besonders trägt

Von „Krebs" zu Phasen, Ressourcen und Tagesform

In der Onkologie ist selten die Diagnose allein unser Kompass. Entscheidender ist, in welcher Phase ein Mensch steht und wie sich Symptome und Belastbarkeit von Tag zu Tag verändern. Genau hier ist Viniyoga nicht „eine Stilrichtung", sondern eine sehr praktische Denkweise: Wir orientieren uns an Ressourcen, an machbaren Schritten und an einer Praxis, die heute trägt – auch wenn sie morgen anders aussehen muss.

Für den Unterricht heißt das: Wir denken weniger in „der richtigen Stunde", sondern in passenden Bausteinen für eine konkrete Situation (Diagnosephase, postoperativ, während Chemo-/Strahlentherapie, Reha/Survivorship, Rezidiv/Metastasierung, palliativ). Dieses Phasendenken ist kein extra Konzept, sondern eine Konsequenz aus dem, was wir ohnehin lehren: Yoga ist eine Praxis, die sich an den Menschen anpasst (vgl. Desikachar, 1995).

Sequencing: Krama statt „Pose"

Viele Kolleg:innen erleben es in der Praxis sofort: Einzelne Āsanas sind in der Onkologie selten das Problem – entscheidend ist, wie wir dorthin kommen und was wir danach tun.

  • Aufbau (Vorbereitung): sanftes „Ankommen", Mobilisieren, Koordinieren, Orientierung über Atem und Rhythmus.
  • Kern (Spitze): ein kleiner, klarer Schwerpunkt (z. B. Atemraum, Stabilität, sanfte Kräftigung, Balance) – in einer Form, die ohne Überforderung möglich ist.
  • Integration (Ausgleich): nicht als Pflichtübung, sondern als Rückkehr zu Regulation und Ruhe.

Diese Logik entspricht dem klassischen Gedanken einer schrittweisen Vorgehensweise (Krama) und schützt uns in der Onkologie vor zwei typischen Fehlern: zu viel Ehrgeiz an „guten Tagen" und zu viel Schonung an „schlechten Tagen". Wenn du Sequenzen baust, achte besonders auf Übergänge (vom Boden zum Sitz, vom Sitz zum Stand) – hier zeigen sich Kreislauf, Neuropathie, Schwindel, Erschöpfung oft deutlicher als in der eigentlichen Haltung.

Ein hilfreicher Qualitätskompass bleibt dabei Patañjali: „sthira-sukham āsanam" – Stabilität und Leichtigkeit/Komfort gehören zusammen (Yoga-Sūtra II.46). In der Onkologie ist das nicht nur „schön", sondern eine klare Sicherheits- und Wirklogik: Stabilität ohne Härte, Leichtigkeit ohne Kollaps.

Atem und Regulation: ruhig, klar, nicht heroisch

In der Krebsbegleitung ist Atemarbeit oft der schnellste Weg zu spürbarer Veränderung – weil sie direkt auf Unruhe, Schlaf und das Erleben von Enge wirkt. Gleichzeitig ist Atemarbeit ein Feld, in dem wir besonders sauber dosieren müssen.

Für unsere Praxis bewährt sich eine einfache Grundhaltung:

  • Wir wählen Atemformen, die das Nervensystem beruhigen, statt zu „trainieren".
  • Wir bevorzugen Gleichmaß vor Leistung: eher sanfte Verlängerung, Pausen nur, wenn sie natürlich entstehen.
  • Wir vermeiden Druck (körperlich und sprachlich): kein „tiefer", „mehr", „länger", sondern „ruhiger", „weicher", „gleichmäßiger".

Gerade bei Atemnot (z. B. bei Lungenkrebs oder unter starker Angst) ist oft nicht das Ziel, „mehr Luft" zu bekommen, sondern Atemkomfort: ein Atem, der nicht bedrohlich wirkt. Das passt sehr gut zu klinischen Pilotstudien mit viniyoga-nahen Protokollen, die explizit „breathing ease" (Atemkomfort) als Ziel formulieren (Fouladbakhsh, Davis & Yarandi, 2013).

Beispiel: kurze Übungsfolge „Atemkomfort" (10–15 Minuten, sehr gut als Heim-Praxis)

Ziel: Atem beruhigen, Enge reduzieren, Selbstwirksamkeit stärken – ohne Leistungsdruck. Viniyoga-Logik: eine kleine Vinyāsa (Bewegung im Atemrhythmus) mit klarer Integration am Ende. Setting: Rückenlage oder aufrecht im Sitzen (Stuhl), ggf. mit Wandstütze. Grundregel: Sobald Atem unruhiger wird, Intensität reduzieren oder in die Pause gehen.

  1. Ankommen (1–2 Min.) – Śavāsana / Rückenruhe Rückenlage mit erhöhtem Oberkörper (Kissen/Decke) oder bequemer Sitz (Sukhasana, auch auf dem Stuhl). Hände auf unteren Rippen. Wahrnehmen: „Wie fühlt sich der Atem heute an?"

  2. Sanfte Rippenmobilisation (2–3 Min.) – sukṣma-Bewegung (klein & fein) In Rückenlage: beim Einatmen Rippen „weit" denken, beim Ausatmen weich zurück. Optional: Arme nur so weit heben, wie es leicht bleibt (postoperativ/bei Schulterthemen sehr klein oder weglassen). Im Sitz: kleine Seitenneigung (parśva – zur Seite) im Atemrhythmus (ohne Zug), zurück zur Mitte.

  3. Ausatembetonte Atmung (3–4 Min.) – Prāṇāyāma (vṛtti) Gleichmäßig einatmen (z. B. 3–4 Zählzeiten), ausatmen etwas länger (z. B. 4–6). Keine Atemhaltephasen (Kumbhaka weglassen). Wenn Zählen stresst: nur die Ausatmung „auslaufen lassen".

  4. Leichtes Tönen/Summen (2–3 Min.) – Bhrāmarī Beim Ausatmen ein sehr sanftes Summen („mmm") oder ein leises „om" – nur so, dass es angenehm bleibt. Das unterstützt einen ruhigen, längeren Ausatem (besonders bei innerer Unruhe).

  5. Mini-Vinyāsa für Brustraum (2–3 Min.) – „Brustbein hebt, Schultern bleiben weich" Im Sitz: beim Einatmen Brustbein leicht heben (ohne Hohlkreuz), beim Ausatmen zurück in neutral. Hände auf den Oberschenkeln, Nacken lang. Alternative in Rückenlage: sehr kleine Beckenkippung im Atemrhythmus (Regulation über Rhythmus, nicht über Dehnung).

  6. Integration (1–2 Min.) – Śavāsana / Nachspüren (Pratyāhāra) Still werden. Zwei Fragen: „Ist der Atem etwas komfortabler?" – „Was war heute der hilfreichste Schritt?"

Varianten für „schwierige Tage": Nur Schritt 1 + 3 + 6 (5–7 Minuten). Varianten für „bessere Tage": Schritt 2 etwas verlängern oder eine kurze, ruhige Stand-Variante an der Wand ergänzen (Gewicht verlagern im Atemrhythmus, 1–2 Minuten; Tādāsana). Sicherheitsnote: Bei deutlicher Atemnot, Schwindel, Brustschmerz, Fieber/Infektzeichen oder akuter Verschlechterung: Praxis abbrechen und medizinisch abklären.

Kontinuität und Heim-Praxis: klein, zuverlässig, anschlussfähig

Die Forschung zeigt in vielen Programmen, dass nicht die einzelne Stunde, sondern die Kontinuität den Unterschied macht. Das ist klassische Yoga-Praxis: Abhyāsa meint nicht „viel", sondern dranbleiben – in einer Form, die machbar ist (Yoga-Sūtra I.14).

Wenn du eine Heim-Praxis anregst, gilt in der Onkologie besonders:

  • lieber 10–15 Minuten zuverlässig als „große Pläne";
  • lieber ein Kernfokus (z. B. Schlaf oder Erschöpfung) als ein „Alleskönner-Programm";
  • lieber wenige, gut erinnerbare Schritte als komplexe Reihen.

Genau hier sind viniyoga-spezifische Pilotstudien interessant, weil sie Heim-Praxis nicht als „nice to have", sondern als explizites Praxisziel formulieren (Littman et al., 2012).

Sprache, Beziehung, Autonomie: die innere Seite der Dosierung

In der Onkologie ist Sprache Teil der Intervention. Viele Menschen erleben in der Behandlung einen Verlust an Autonomie („mit mir wird etwas gemacht"). Unterricht kann hier einen Gegenpol setzen: Wahlmöglichkeiten, Einladungen, klare Grenzen.

Praktisch heißt das:

  • Du bietest Optionen an, ohne zu überfrachten: „Wenn es heute gut ist, bleibst du. Wenn nicht, wechselst du in …"
  • Du benennst den Sinn einer Übung, statt nur Form zu korrigieren: „Das ist für Atemraum / für Ruhe / für Stabilität."
  • Du normalisierst Schwankungen: „Heute ist heute."

Das Interview mit Dr. Ingrid Kollak (Soder, Dalmann & Kollak, 2011) ist an dieser Stelle ein gutes Praxisbild: Die beschriebenen Teilnehmerinnen waren „freundlich, aber unkonzentriert" und wurden über die Stunde deutlich zentrierter. Solche Beobachtungen sind für uns nicht nur „psychologisch interessant", sondern zeigen, wie stark Regulation und Aufmerksamkeit als Unterrichtsziele tragen können.

Ein kleiner Qualitätscheck für onkologischen Unterricht

Zum Schluss dieses Kapitels ein kurzer Check, den du vor einer Stunde (oder einer Einzelbegleitung) innerlich durchgehen kannst:

  • Was ist heute realistisch? (Tagesform, Therapiephase, Nebenwirkungen)
  • Was ist das eine Ziel? (Schlaf, Erschöpfung, Atemkomfort, Stabilität, Schmerzregulation)
  • Welche zwei bis drei Bausteine dienen diesem Ziel am besten? (Bewegung – Atem – Entspannung/Aufmerksamkeit)
  • Woran erkenne ich in dieser Stunde „zu viel"? (Atem wird unruhig, Gesicht wird blass, Zittern, Schwindel, Übelkeit, Überforderung)
  • Wie sieht die Integration aus? (Rückweg in Regulation, nicht „abbrechen")

Damit ist noch keine onkologische „Spezialstunde" gebaut – aber du stellst sicher, dass das, was du tust, zielklar, dosierbar und respektvoll bleibt.

Stimmen aus der Praxis: Was wir von Yoga-Lehrenden mit Onkologie-Erfahrung lernen können

Warum Praxisberichte hier besonders wertvoll sind

In der Krebsbegleitung sind die „großen Linien" oft schnell klar: Schlaf, Erschöpfung, Unruhe, Schmerzen, Beweglichkeit, Atemkomfort. Was im Unterricht wirklich zählt, sind dann die kleinen, gut begründeten Anpassungen: Wie beginnt eine Stunde, wenn jemand gerade operiert wurde? Wie dosieren wir, wenn Chemo-Fatigue alles dominiert? Wie bleiben wir klar, ohne Menschen zu verunsichern?

Praxisberichte sind dafür wertvoll, weil sie die Lücke schließen zwischen Studien-Endpunkten und Unterrichtsrealität. Sie zeigen: Was ist machbar? Was ist hilfreich? Und wie sprechen wir darüber, ohne zu vereinfachen?

Beispiel Brustkrebs: Was im Unterricht unmittelbar nach einer Operation trägt

Das Interview mit Dr. Ingrid Kollak (Soder, Dalmann & Kollak, 2011) beschreibt Yoga-Angebote für Frauen kurz nach einer Brustkrebsoperation – zum Teil schon ein bis zwei Tage nach dem Eingriff. Auch wenn das Setting (Klinik/Stationsnähe) nicht eins zu eins unser Alltag sein muss, sind die didaktischen Kernerkenntnisse sehr übertragbar:

  • Sicherheit entsteht über Formwahl – nicht über „Vorsichtsstimmung". Kollak beschreibt, dass bestimmte Haltungen so angeboten wurden, dass die Arme nicht durch Körpergewicht belastet werden. Für uns ist das ein Klassiker: In frühen postoperativen Phasen wählen wir Formen, die Druck, Zug und langes Halten in sensiblen Bereichen vermeiden – ohne Drama.
  • Rückenlage als Startpunkt entlastet – körperlich und mental. Der Einstieg in Rückenlage (mit praktischen Anpassungen wie erhöhter Oberkörper, Platz für Drainagen) zeigt: Die erste Aufgabe ist häufig nicht „dehnen", sondern ankommen. Genau hier beginnt Regulation.
  • Regulation ist ein sichtbarer Unterrichtserfolg. Die Beobachtung „freundlich, aber unkonzentriert/abwesend" – und danach deutlich zentrierter – beschreibt etwas, das wir in vielen Gruppen kennen: Der Körper ist da, aber der Geist ist „woanders". Wenn nach einer Stunde wieder mehr Sammlung möglich ist, ist das bereits eine sehr reale Wirkung.

Eine praxistaugliche Stundenstruktur (orientiert an Kollak) – skalierbar, klar, unaufgeregt

Kollak beschreibt eine Stunde, die weniger über „besondere Übungen" wirkt als über eine stimmige Dramaturgie: erst ankommen, dann koordinieren, anschließend regulieren – und am Ende wirklich integrieren. Diese Logik lässt sich gut in unseren Unterricht übertragen, gerade wenn Teilnehmende früh nach einer Operation oder mit hoher innerer Anspannung kommen.

  1. Ankommen und sanfte Mobilisation (ca. 5–10 Minuten): Wir beginnen bodennah – in Rückenlage mit Unterstützung (Śavāsana, ggf. erhöhter Oberkörper) oder in einem stabilen Sitz am Stuhl (Sukhasana). Dann folgen sukṣma-Bewegungen, die den Körper „wieder bewohnbar" machen: Hände/Handgelenke, Füße/Knöchel, ein feines Gleiten im Nackenbereich – alles im Atemrhythmus, ohne Zug.

  2. Koordination und Sammlung (ca. 5–8 Minuten): Statt viel Variation wählen wir ein oder zwei sehr klare Vinyāsas. In Rückenlage kann das eine Beckenkippung im Atemrhythmus sein; im Sitz eine minimale Bewegung von Becken und Brustbein, die sich gut erinnern lässt. Hier entsteht häufig bereits das, was viele Teilnehmende als „wieder bei mir ankommen" beschreiben – ein spürbarer Gegenpol zu einer Situation, die oft von Kontrollverlust geprägt ist.

  3. Atem im Sitz – Atemraum ohne Druck (ca. 3–6 Minuten): Wir bleiben bei einem ruhigen, eher ausatembetonten Atemrhythmus und verzichten auf Atemhaltephasen. Ein sehr sanftes Summen (Bhrāmarī) kann unterstützend sein – nicht als Technik, sondern als Einladung, den Ausatem weicher werden zu lassen.

  4. Stand nur, wenn er wirklich stabil ist (ca. 2–6 Minuten): Wenn Stand sinnvoll ist, dann kurz und gut unterstützt: Tāḍāsana-Anmutung an der Wand, ruhige Gewichtsverlagerungen, klare Orientierung über die Füße. Wenn der Stand heute nicht trägt, ist das kein Verlust – die Stunde bleibt vollständig ohne ihn.

  5. Abschluss und Integration (ca. 5–10 Minuten): Wir runden die Stunde konsequent ab: zurück in Rückenlage oder einen bequemen Sitz, Nachspüren (Pratyāhāra) und ein kurzer Satz, der Selbstwirksamkeit stärkt („Was war heute hilfreich?"). In der Onkologie ist Integration keine „Entspannung am Ende", sondern der Moment, in dem sich die Wirkung überhaupt erst setzen kann.

Der große Vorteil dieser Struktur: Sie bleibt auch dann sinnvoll, wenn jemand nur 15 Minuten Energie hat. Wir kürzen nicht „irgendwo", sondern wir halten die innere Logik: Ankommen – Kern – Integration.

Typische Anpassungsfelder

Gerade bei Brustkrebs – und in ähnlicher Form auch bei anderen Entitäten – begegnen uns im Unterricht wiederkehrende Themen. Entscheidend ist, dass wir nicht „am Krankheitsbild" arbeiten, sondern an dem, was sich funktional zeigt und anfühlt.

  • Schultergürtel und Brustraum: Nach Operation oder Bestrahlung sind Bewegungsumfang, Narbengefühl und Schutzspannung oft verändert. In frühen Phasen wirkt häufig nicht „mehr Dehnung", sondern mehr rhythmische, kleine Mobilität im Atemfluss: Schulterblätter gleiten lassen, Brustbein minimal bewegen, Arme nur so weit führen, wie der Atem ruhig bleibt.
  • Arm und Stützlast: Viele armtragende Formen sind zunächst nicht passend – weniger aus Prinzip, sondern weil sie Druck und Last in einem Bereich bündeln, der gerade Schutz braucht. In der Praxis heißt das: Wand statt Boden, Unterarme statt Hände, kurze Impulse statt langes Halten – oder bewusst bodennahe Alternativen ohne Stützlast.
  • Lymphsystem und Lymphödem-Risiko: Hier hilft weniger Angst als eine saubere Progression. Wir vermeiden forciertes Halten in Grenzbereichen, respektieren Schwere und Spannungsgefühle und geben immer eine Rückzugsmöglichkeit. Wenn ein Lymphödem diagnostiziert ist oder Kompression genutzt wird, orientieren wir uns an den Vorgaben des Behandlungsteams.
  • Neuropathie und Balance: Unter bestimmten Therapien kann die Sensibilität in Füßen und Händen verändert sein (Kribbeln, Taubheit, Brennen, „Wattegefühl"). Dann wird Standarbeit zur Sicherheitsfrage: breitere Basis, Wand oder Stuhl in Reichweite, langsamer Rhythmus, keine schnellen Richtungswechsel. Häufig ist es sinnvoll, Standanteile kurz zu halten und über ruhige Gewichtsverlagerungen zu arbeiten. Neue, stark zunehmende Gefühlsstörungen, Stürze oder deutliche Schmerzen gehören medizinisch abgeklärt.

Was onkologie-spezialisierte Yoga-Lehrende international betonen – und warum das gut zu Viniyoga passt

Auch außerhalb der Viniyoga‑Linie hat sich in den letzten Jahren eine bemerkenswert ähnliche Unterrichtslogik herausgebildet: phasenorientiert, symptomnah, sicher, anpassbar. Ein häufig zitierter Referenzpunkt ist Tari Prinster (2014) mit Yoga for Cancer. Das Buch ist nicht Viniyoga, aber es arbeitet konsequent mit dem, was wir auch als Kernkompetenz verstehen: Nebenwirkungsprofile ernst nehmen, Reize dosieren, Modifikationen als Normalität.

Ein zweiter, sehr naher Referenzpunkt ist Ingrid Kollak (u. a. Yoga and Breast Cancer, 2011), weil hier nicht nur „Übungsideen" gesammelt werden, sondern Unterricht in einem kliniknahen Kontext reflektiert und mit Beobachtungen verknüpft wird.

Für uns als Viniyoga-Lehrende ist das ermutigend – und zugleich eine Qualitätsanforderung: Gute onkologische Yogaarbeit zeigt sich weniger im „besonderen Repertoire", sondern in einer präzisen Didaktik. Dosierung, Sequencing (Krama), Atem als Regulation, klare Sprache und eine machbare Heimpraxis in kleinen Schritten sind nicht Addons, sondern das Fundament.

Praxisnaher Einstieg: Drei Fragen, die in der Stunde wirklich helfen

Gerade am Anfang entlastet eine schlichte, klare Eingangsklärung. Drei Fragen reichen in der Regel, um Unterricht sicher und passend zu gestalten:

  1. Wo stehst du gerade im Behandlungsverlauf? (vor Operation, nach Operation, während Therapie, Abschluss/Reha, metastasiert/palliativ)
  2. Was ist heute das Wichtigste? (Schlaf, Erschöpfung, Unruhe/Angst, Schmerz/Beweglichkeit, Atemkomfort)
  3. Gibt es medizinische Vorgaben oder Grenzen, die du heute beachten musst? (z. B. frische Wunden, Drainagen, Port, Schwindel, Infektzeichen, Knochenbeteiligung, Lymphödem, Neuropathie)

Und dann gilt: Wenn sich im Verlauf etwas deutlich verschlechtert (starker Schwindel, ungewöhnliche Schmerzen, ausgeprägte Atemnot, Fieber/Infektzeichen), wird die Praxis zur Pause – und medizinische Abklärung geht vor.

Sensorische Sensibilisierung: „Wieder im Körper landen" – viniyoga-kompatibel und onkologietauglich

In eigenen Angeboten für Menschen mit Krebserfahrung machen wir gute Erfahrungen damit, sensorische Sensibilisierungen bewusst zu integrieren. Das ist kein klassischer Viniyoga-Begriff – die Logik ist es dennoch: Wir arbeiten mit Aufmerksamkeit, wir dosieren Reize, und wir orientieren uns an Ressourcen.

Gerade in onkologischen Kontexten ist das hilfreich, weil viele Menschen zeitweise „nicht richtig da" sind (Überforderung, Sorge, Schlafmangel) oder weil Nebenwirkungen Körperwahrnehmung verändern (Neuropathie, Narbengefühl, Schmerz, Enge). Sensorische Bausteine sind meist kurz, sicher skalierbar und auch an Tagen mit wenig Energie praktikabel.

Didaktisch bewährt sich ein klarer Grundsatz: Sensorische Arbeit ist Einladung, nicht Pflicht. Wir führen mit Wahlmöglichkeiten („Wenn es angenehm ist … sonst bleib bei …") und wir beginnen klein, kurz und beobachtbar.

Womit wir arbeiten: Oft reicht es, die Aufmerksamkeit nacheinander über drei Ebenen zu führen: erst Außenorientierung (Sehen/Hören/Raum), dann Kontakt und Lage im Raum (Auflagepunkte, Gewicht), und erst dann – wenn es gut trägt – eine vorsichtige Innenorientierung (Atem). Das schützt insbesondere Menschen, bei denen Innenwahrnehmung Angst verstärkt.

Praktische Bausteine: In der Gruppe funktionieren kurze, klare Impulse: im Raum orientieren (drei Dinge sehen, drei Geräusche hören), dann Auflagepunkte spüren (Boden/Stuhl/Matte), anschließend ein kleiner taktiler Anker (Hände reiben und Wärme spüren; eine Hand auf die unteren Rippen – nur wenn angenehm) und schließlich ein leiser Atemrhythmus ohne Druck.

Kleine Hilfsmittel – als dosierbare Reize, nicht als „Therapie": Ein Tennisball (oder weicher Ball) kann unter dem Fuß im Sitzen sehr sanft gerollt oder einfach als Kontaktpunkt genutzt werden; in der Hand kann er als „Greif-Anker" im Ausatemrhythmus dienen. Bei Neuropathie bleibt der Reiz minimal und kurz. Struktur (Decke, Handtuch) kann als taktile Orientierung helfen. Ein milder Kältereiz kann für manche ein schneller Reset sein – in der Praxis eher als kühles Tuch kurz an Stirn/Wangen/Nacken (10–20 Sekunden), nie als langes „Kühlen" und nicht bei Kälteempfindlichkeit, Raynaud-Symptomatik, offener oder bestrahlter Haut, Fieber oder wenn Kälte Stress triggert.

MiniSequenz „Sensorisches Ankommen" (5–8 Minuten)

Wir beginnen mit Außenorientierung (Augen offen; Raum sehen/hören), gehen über Kontaktpunkte (getragen sein spüren), setzen einen kurzen taktilen Anker (Wärme der Hände; Hand an Rippen, wenn angenehm), führen dann die Ausatmung weich (ohne Atemhalten) und schließen mit einem Moment Stille: „Was ist jetzt ein wenig ruhiger/leichter?"

MiniSequenz „Neuropathiefreundlicher Stand" (3–5 Minuten)

Mit Wand und Stuhl in Reichweite beginnen wir im Sitzen mit sehr sanftem Fußkontakt (Ball unter dem Fuß oder Ball in der Hand). Dann Tāḍāsana-Anmutung an der Wand, Füße eher breiter, Atem ruhig. Anschließend ruhige Gewichtsverlagerungen im Atemrhythmus (vor/zurück, rechts/links) und eine kurze Integration im Stand. Bei Schwindel, deutlicher Unsicherheit, neuen starken Schmerzen oder plötzlich zunehmender Taubheit pausieren wir; bei wiederholten Stürzen oder deutlicher Verschlechterung gehört das medizinisch abgeklärt.

Wenn es zu viel wird, gehen wir konsequent zurück zu Außenorientierung: Augen öffnen, im Raum orientieren, Hände aneinander spüren – und bei Bedarf aufstehen und an die Wand gehen (Standkontakt).

Praxisleitfaden: Unterricht in 5 Phasen

Wenn wir onkologisch unterrichten, bewährt sich eine phasenbezogene Logik: nicht, weil wir „für jede Phase ein Programm" brauchen, sondern weil Tagesform, Nebenwirkungen und Ressourcen sich stark unterscheiden. Vier Grundsätze tragen dabei praktisch immer.

  • Zielklarheit schlägt Vielfalt. Ein klarer Schwerpunkt (Schlaf oder Erschöpfung oder Atemkomfort) wirkt meist besser als eine „bunte" Stunde.
  • Dosis vor Form. In der Onkologie entscheidet die passende Reizdosis (Tempo, Umfang, Pausen, Übergänge) mehr über Wirkung und Sicherheit als die äußere Form einer Haltung.
  • Integration ist Teil der Intervention. Gerade bei Angst, Fatigue und Schmerz ist die Rückkehr in Regulation kein Anhang, sondern Kern.
  • Selbstwirksamkeit ist ein leiser Wirkfaktor. Viele Patient:innen erleben im Krankheitsverlauf einen schmerzhaften Verlust von Kontrolle: Termine, Befunde, Nebenwirkungen, Fremdbestimmung. Selbstwirksamkeit (Selbstwirksamkeitserwartung) meint hier nicht „positiv denken", sondern die erlebte Zuversicht, etwas Konkretes tun zu können und dadurch Einfluss auf das eigene Befinden zu nehmen (Bandura, 1977). In der Onkologie ist gut belegt, dass höhere Selbstwirksamkeit mit besserer Anpassung, weniger Belastung und höherer Lebensqualität zusammenhängt (z. B. Chirico et al., 2017; Choi et al., 2023).

Yoga bietet dafür ein sehr praktisches Trainingsfeld: In qualitativen Interviews berichten Brustkrebs-Überlebende, dass Yoga ihnen gerade in Phasen von Vulnerabilität und Rezidivangst geholfen hat, sich weniger hilflos zu fühlen und wieder „einen Beitrag" leisten zu können – verbunden mit mehr Körperwahrnehmung, Stressresistenz und Selbstwirksamkeit (Bilc et al., 2024). Und in einem onkologischen Setting während Chemotherapie (gastrointestinale Tumoren) beschrieben Teilnehmende Selbstwirksamkeit ausdrücklich als einen Schlüssel, um Yoga überhaupt kontinuierlich zu nutzen (Addington et al., 2023).

Viniyoga ist dafür besonders kompatibel, weil wir nicht über „Durchhalten" steuern, sondern über Krama und Passung: kleine, machbare Schritte, die sich im Körper sofort als sukha (angenehm, stimmig) bestätigen dürfen. Selbstwirksamkeit entsteht dabei vor allem über wiederholte Erfolgserfahrungen: eine Mini-Praxis, die wirklich gelingt; klare Wahlfreiheit („Heute klein, morgen vielleicht größer"); und ein kurzer Transfer in den Alltag (z. B. ein Atem oder Lagerungsanker für eine typische Belastungssituation).

Als wissenschaftliches Geländer hilft dabei, was Leitlinien und Übersichtsarbeiten immer wieder betonen: Yoga wird vor allem dort untersucht und empfohlen, wo es um Lebensqualität, Fatigue, Schlaf und psychisches Befinden geht (Cramer et al., 2017; Messer et al., 2025; Atreya et al., 2023).

Phase 1: Diagnose & Prä‑Therapie – Orientierung, Boden, Schlaf

In der Zeit rund um Diagnose und Therapieplanung ist das Nervensystem vieler Menschen im Alarmzustand. Schlaf bricht weg, Gedanken kreisen, der Körper fühlt sich gleichzeitig „zu viel" und „nicht richtig da" an. Für unseren Unterricht heißt das: Wir arbeiten zunächst nicht an „Fitness", sondern an Orientierung, Regulation und Übbarkeit.

Didaktisch bewährt sich ein klarer Schwerpunkt pro Stunde. In dieser Phase ist das häufig Schlaf oder innere Unruhe. Du startest eher außenorientiert (Raum, Kontaktpunkte, Augen offen) und lässt Innenwahrnehmung erst dann zu, wenn sie nicht zusätzlich stresst. Atemführung ist hier kein Training, sondern ein leiser, verlässlicher Rhythmus: gleichmäßig, weich, eher ausatembetont – ohne Atemhaltephasen.

Sicherheitsseitig reicht ein pragmatischer Rahmen. Wenn akute medizinische Symptome (deutliche Atemnot, Brustschmerz, Fieber/Infektzeichen) oder eine akute psychische Krise im Vordergrund stehen, ist Pause und professionelle Abklärung vorrangig.

Ein stimmiges Stundenbild (20–30 Minuten) beginnt mit einem kurzen sensorischen Ankommen (Kap. 4.7), führt in eine kleine, leicht merkbare Vinyāsa im Atemrhythmus (sukṣma-Anmutung) und endet mit einer Integration, die nicht „Wegdriften", sondern Sammlung ermöglicht. Das kann sehr schlicht ausfallen: eine weiche Śavāsana-Variante (oder Sukhasana am Stuhl) zum Ankommen, dann in Rückenlage Apānāsana (Knie zur Brust – gern ein Bein nach dem anderen) und eine kleine Beckenvinyāsa (Beckenkippung im Atemrhythmus), anschließend im Sitz eine minimale Öffnung/Schließung des Brustbeins (ohne Hohlkreuz), und zum Schluss wieder Śavāsana oder eine geführte Sitzruhe. Für zu Hause ist oft eine Mini-Praxis (5–7 Minuten) realistisch: zwei Minuten Orientierung + Kontaktpunkte, drei Minuten ausatembetonte Atmung (ohne Zählen, wenn es stresst), eine Minute Nachspüren.

Phase 2: Postoperativ / frühe Rekonvaleszenz – Sicherheit, Wundschutz, Vertrauen

Kurz nach Operationen treffen wir auf eine Mischung aus Wundheilung, Schutzspannung, Müdigkeit und Verunsicherung: „Darf ich mich überhaupt bewegen?" Hier ist unsere Aufgabe, Bewegung wieder als sicheren Erfahrungsraum anzubieten – nicht als Leistungsfeld.

Der rote Faden ist Einfachheit: bodennah beginnen (Rückenlage oder Stuhl), Übergänge reduzieren, Tempo verlangsamen. Schultergürtel und Brustraum werden meist nicht „gedehnt", sondern fein mobilisiert – im Atemrhythmus, mit kleinen Bewegungsamplituden. Armtragende Formen und Stützlast sind in vielen Situationen zunächst nicht sinnvoll; statt „verbieten" wählen wir einfach Formen, die den Bereich respektieren (vgl. Kollak-Interview, Kap. 4.2–4.3).

Für die Sicherheit gelten klassische postoperative Warnzeichen: frische Blutung, stark zunehmende Rötung/Schwellung/Überwärmung, Fieber oder plötzlich starke Schmerzen sind Gründe, Praxis zu unterbrechen und medizinisch abzuklären. Wenn es ärztliche Bewegungslimits gibt, haben sie Vorrang.

Ein gutes Format ist eine kurze Sequenz (15–25 Minuten): Ankommen in Rückenlage mit Unterstützung (erhöhter Oberkörper, Decken), sukṣma-Bewegungen in Händen/Füßen und sanfte Beinachsen-Mobilisation, dann Atemkomfort (Kap. 3.3) und eine ausreichend lange Integration. Das könnte wie folgt aussehen: Śavāsana mit erhöhtem Oberkörper, dann Pādapūrva/Paścima (Füße strecken/beugen) und Hände öffnen/schließen im Atemrhythmus; anschließend Supta Apānāsana (ein Bein nach dem anderen, sehr klein) oder Supta Pavanamuktāsana als sanftes „Entlasten"; wenn der Brustraum es zulässt, eine Mini-Armführung Richtung „Kaktus" (nur im angenehmen Bereich, sonst weglassen); danach ein ruhiges Prāṇāyāma (ausatembetont, ohne Kumbhaka) und zurück in Śavāsana. Sprache trägt hier viel: „Wir bleiben im angenehmen Bereich. Wenn der Atem unruhiger wird, werden wir kleiner."

Phase 3: Während Chemo oder Strahlentherapie – variable Tagesform, Fatigue, Übelkeit

Während einer onkologischen Therapie ist die Tagesform oft zyklisch: heute geht es erstaunlich gut, morgen ist alles schwer. Genau deshalb braucht es Unterricht, der Optionen nicht als „Zusatz", sondern als Grundstruktur hat. Du planst die Stunde so, dass sie auf drei Ebenen funktioniert: bodennah, im Sitz und – wenn stabil – kurz im Stand an der Wand.

Inhaltlich geht es häufig um Fatigue, Schlaf und das Wiederfinden eines „ruhigen Innenraums". Wichtig ist die innere Logik: Fatigue wird nicht wegtrainiert, sondern reguliert. Die Forschung zeigt für krebsassoziierte Fatigue insgesamt eher moderate Effekte; nach Therapie ist die Evidenz klarer als während einer laufenden Krebstherapie (Messer et al., 2025). Das passt gut zu dem, was wir in der Praxis sehen: kleine, regelmäßige Impulse wirken oft verlässlicher als ambitionierte Einheiten.

Für viele Gruppen bewährt sich ein Stundenbild (30–45 Minuten), das zunächst Orientierung und Mobilisation im Atemrhythmus verbindet, dann einen klaren Kern setzt (Atemkomfort oder sanfte Stabilität) und im letzten Drittel großzügig integriert. Beispielsweise: Start in Sukhasana am Stuhl oder in Śavāsana, dann eine sanfte Wirbelsäulen-Vinyāsa (im Sitz kleine Marjaryāsana: Becken kippt, Brustbein folgt – ohne Druck) oder in Rückenlage Beckenkippung; als stabiler Kern eine kurze, sehr klare Standsequenz an der Wand in Tāḍāsana-Anmutung mit Gewichtsverlagerungen (Kap. 4.7) und – wenn passend – ein kleiner Schritt in Ūrdhva Hastāsana (Arme nur so weit, wie Schultern weich bleiben); alternativ statt Stand eine bodennahe Stabilität über Setu Bandha Sarvāṅgāsana-Vinyāsa (kleine Brücke, dynamisch, nicht halten). Dann Integration: Supta Baddha Koṇāsana (ggf. mit Kissen unter den Knien) oder Śavāsana, gern mit Summen (Bhrāmarī). Sensorische Hilfsmittel (Tennisball, Texture, mildes kühles Tuch) können hier sehr hilfreich sein, wenn sie als dosierbarer Reiz geführt werden (Kap. 4.7). Bei Neuropathie wird Standarbeit kurz, breitbasig und wandgestützt; die „Neuropathiefreundliche Standsequenz" aus Kap. 4.7 ist genau dafür gedacht.

Sicherheitsleitplanken bleiben schlicht: Fieber/Infektzeichen, deutliche Kreislaufprobleme, starke Atemnot oder akute Übelkeit bedeuten heute Pause. Bei wiederholten Stürzen, deutlich zunehmenden Gefühlsstörungen oder neuen starken Schmerzen gehört eine medizinische Abklärung dazu.

Phase 4: Reha, Survivorship und Langzeittherapien – Routine, Kraft, Schlaf, Vertrauen

Nach Abschluss der Primärtherapie oder in stabilen Langzeittherapien beginnt häufig eine Phase, in der „eigentlich alles vorbei sein sollte", sich aber Fatigue, Schlafprobleme, Steifigkeit, Stimmungsschwankungen oder Angst vor einem Rezidiv hartnäckig halten. Hier können wir den Fokus schrittweise verschieben: von „durch den Tag kommen" hin zu Routinen, Belastbarkeit und Vertrauen in den Körper.

Didaktisch ist diese Phase dankbar, weil Progression möglich ist – aber sie will in kleinen Stufen (Krama) gestaltet werden. „Progression" heißt hier oft nicht „schwieriger", sondern „stabiler und länger gut integrierbar": mehr Zeit in einer sauberen Tāḍāsana-Anmutung, daraus kleine Schritte in Vīrabhadrāsana I/II (kurz, gut ausgerichtet, mit Ausstieg zur Wand), eine ruhige Hüftöffnung wie Utthita Pārśvakonāsana eher als Formidee (Hand auf Oberschenkel oder Wand statt tief), und danach bewusst bodennahe Integration über Apānāsana, Jathara Parivartānāsana sehr klein (nur wenn angenehm) und Śavāsana als Schlafanker. Wir wechseln je nach Tagesform zwischen eher aufbauenden Sequenzen (bṛmhaṇa) und beruhigenden/regulierenden Sequenzen (langhana). Standarbeit bekommt mehr Raum, bleibt aber sauber integriert: Balance im Atemrhythmus, klare Übergänge, und ein Ende, das den Schlafanker stärkt.

Auf der Evidenzseite sind hier besonders Studien und Reviews von Interesse, die Lebensqualität, Schlaf und psychisches Befinden betrachten (z. B. Cramer et al., 2017; Chandwani et al., 2014). Für unseren Unterricht ist das keine Aufforderung zur „Standardisierung", sondern ein Hinweis, welche Ziele realistisch sind: besser schlafen, sich weniger erschöpft fühlen, stabiler im Alltag werden.

In dieser Phase lohnt es sich, Heimpraxis sehr konkret zu machen: nicht „mach mehr", sondern „was genau machst du an einem schlechten Tag – und was an einem guten?". Genau das baut Kontinuität (Abhyāsa-Qualität) auf.

Phase 5: Metastasiert / palliativ – Komfort, Würde, Atem, Schlaf

In metastasierten und palliativen Situationen verändert sich unsere Rolle noch einmal: Wir arbeiten weniger an „Aufbau", mehr an Komfort, Würde, Autonomie und Symptomlinderung. Das Entscheidende ist nicht die Länge einer Stunde, sondern die Passung. Eine Mikropraxis von drei bis zwölf Minuten kann – gut geführt – mehr bewirken als eine lange Einheit.

Hier wird das Prinzip „Positionen als Medizin" sehr konkret: Lagerung in Rücken oder Seitenlage mit Kissen und Decken, ein schmerzfreier Sitz am Stuhl, Wärme und Unterstützung. Das kann sein: eine gut gelagerte Śavāsana-Variante (Oberkörper erhöht, Knie auf Rolle), Śavāsana in Seitenlage (unteres Knie angewinkelt, Kissen zwischen den Knien), oder ein stabiler Stuhlsitz als Sukhasana. Als „Bewegung" reichen oft Mini-Vinyāsas: Hände öffnen/schließen, Pādapūrva/Paścima, ein sehr kleines Apānāsana (ein Bein) oder eine sanfte Beckenkippung. Atemkomfort kann über ein leises Summen (Bhrāmarī) begleitet werden, ohne dass du überhaupt „Prāṇāyāma" benennen musst. Atemarbeit bleibt strikt komfortorientiert: keine Atemhaltephasen, kein Druck, häufig ist Summen/Tönen hilfreicher als Zählen. Wenn Innenwahrnehmung Angst triggert, gehen wir über Außenorientierung und Kontaktpunkte (Kap. 4.7) und lassen den Atem „mitlaufen", statt ihn zu bearbeiten.

Sicherheitsseitig braucht es Klarheit: Bei bekannten Knochenmetastasen oder Instabilität meiden wir Lastspitzen, starke Hebel, fordernde Drehungen und dynamische Übergänge. Neue starke Schmerzen (insbesondere in Knochen), plötzlich zunehmende Schwäche oder neurologische Ausfälle, neue Stürze, deutlich zunehmende Atemnot oder Fieber sind Gründe, Praxis zu unterbrechen und medizinisch abzuklären.

Für die Tonalität gilt: Du arbeitest explizit mit Wahlfreiheit. Sätze wie „Du entscheidest – wir suchen nach dem, was komfortabler wird" oder „Wenn du nur zuhören möchtest, ist das auch Praxis" sind in dieser Phase respektvoll unterstützend und fachlich stimmig. Leitlinien zur integrativen Onkologie verorten Yoga hier nicht als „Standardtherapie", sondern als Option im Spektrum unterstützender Maßnahmen für psychisches Befinden und Lebensqualität (Atreya et al., 2023). Diese Einordnung schützt uns vor falschen Versprechen – und eröffnet zugleich einen verantwortlichen Raum für sehr wirksame, menschliche Praxis.

Drei onkologische Felder, drei Unterrichtslogiken: Brust, Lunge, Prostata

Brustkrebs prägt die Forschungslage zu Yoga in der Onkologie – das sehen wir in Übersichtsarbeiten ebenso wie in der klinischen Praxis, wo viele Programme zunächst in Brustzentren entstanden sind. Für uns als Yoga-Lehrende ist diese Evidenz wertvoll, weil sie robuste, wiederkehrende Wirkziele benennt: Lebensqualität, Schlaf, Erschöpfung (krebsassoziierte Fatigue) und psychisches Befinden. Gleichzeitig ist es wichtig, dass unser Artikel nicht ungewollt den Eindruck erweckt, „Krebs" sei gleichbedeutend mit Brustkrebs.

Gerade zwei Felder begegnen uns häufig – und verlangen eine eigene Unterrichtslogik: Lungenkrebs (Atemkomfort und Atemangst) sowie Prostatakrebs (Beckenraum, urogenitale Themen, Langzeittherapien und Fragen von Privatheit). In diesem Kapitel fassen wir diese drei onkologischen Felder nicht als „Diagnoseunterricht" zusammen, sondern als unterrichtspraktische Profile, die dich in der Planung und im Anleiten sicherer machen.

Brustkrebs als Referenzrahmen – was übertragbar ist (und was nicht)

Dass Brustkrebs in der Yogaforschung so präsent ist, hat pragmatische Gründe: hohe Prävalenz, große Gruppen im Leben nach der Primärtherapie, gute Einbettung in supportive Onkologie. Als Referenzrahmen hilft uns die Brustkrebs-Literatur vor allem dort, wo sie zeigt, was wir realistisch anpeilen dürfen: Verbesserungen in Lebensqualität und psychischem Befinden sowie günstige Effekte auf Schlaf und Erschöpfung (Cramer et al., 2017; Chandwani et al., 2014).

Übertragbar sind außerdem didaktische Konsequenzen, die wir in Kapitel 5 bereits als Leitplanken formuliert haben: Dosis vor Form, klare Stundenarchitektur, Integration als Kern und eine Heimpraxis, die so klein ist, dass sie im Alltag wirklich gelebt werden kann.

Nicht ohne Weiteres übertragbar sind die körperbezogenen Spezifika, die bei Brustkrebs häufig eine Rolle spielen: Schultergürtel/Brustraum, Arm- und Stützlast, Lymphsystem. Diese Themen haben wir bereits in Kapitel 4.4 (und in den postoperativen Phasen in Kapitel 5) differenziert – hier reicht der Verweis.

Lungenkrebs: Wenn Atem zum Symptom wird – Atemkomfort als roter Faden

Bei Lungenkrebs – und bei allen Situationen, in denen Atemnot (Dyspnoe) das Erleben dominiert – verschiebt sich unser Fokus. Nicht „tiefer atmen" ist das Ziel, sondern Atemkomfort: ein Atem, der sich weniger eng, weniger bedrohlich und besser regulierbar anfühlt. Viele Menschen vermeiden Bewegung aus Sorge, Atemnot zu verstärken. Dadurch kann ein Kreislauf entstehen: weniger Aktivität, weniger Belastbarkeit, mehr Atemangst.

Für den Unterricht bedeutet das: Du führst über Sicherheit. Eine klare dṛṣṭi (Blickführung) und Außenorientierung (Raum, Kontaktpunkte) sind zu Beginn häufig hilfreicher als „Atem beobachten", das bei Atemangst schnell zu viel werden kann. Bewegungen bleiben klein, rhythmisch und gut unterstützt – eher als sukṣma-vinyāsa (feine Bewegung im Atemfluss) denn als „Übungsprogramm". Lagerung wird zur Schlüsselkompetenz und lässt sich ganz unaufgeregt als passende Āsana-Form anbieten: eine Śavāsana-Variante mit erhöhtem Oberkörper, eine Seitlage-Variante oder ein stabiler Stuhl-Sitz (Sukhasana am Stuhl). Atemführung bleibt schlicht, eher ausatembetont, ohne Atemhaltephasen (kein Kumbhaka) – als sanftes Prāṇāyāma in langhana-Anmutung (beruhigend, entlastend). Leises Summen oder Tönen (Bhrāmarī) kann den Ausatem verlängern und sukha (Wohlgefühl/Leichtigkeit) im Atemraum unterstützen, ohne dass jemand „Atemtechnik" leisten muss.

Gerade hier lohnt es sich, den Wirkfaktor Selbstwirksamkeit mitzudenken: Atemkomfort ist nicht nur Symptomlinderung, sondern oft die erste Erfahrung von Handlungsspielraum. Wenn jemand erlebt: „Ich kann mich anders lagern, den Blick weiten, den Ausatem summend verlängern – und die Enge wird ein Stück weniger", dann ist das im besten Sinne Bandura-Logik: ein konkretes Tun, das eine spürbare Wirkung hat (Bandura, 1977). In onkologischen Yoga-Programmen wird diese Erfahrung von „Ich kann etwas beitragen" in qualitativen Befunden immer wieder als tragend beschrieben – und sie ist häufig eine Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt dranbleiben (Bilc et al., 2024; Addington et al., 2023).

Viniyoga übersetzt das sehr direkt: Wir bauen einen Atemnot-Anker als Mini-Praxis, die in guten Momenten geübt und in schwierigen Momenten verfügbar ist. Du leitest ihn ohne Drama an: Augen offen und im Raum orientieren (dṛṣṭi); Position so wählen, dass der Atem Raum bekommt (Oberkörper höher oder Seitenlage); dann drei bis sechs ruhige Ausatemphasen mit Summen oder sanftem Tönen; anschließend ein Moment Nachspüren. Diese Abfolge ist schlicht – und genau deshalb stärkt sie Selbstwirksamkeit: Sie ist erinnerbar, wiederholbar und passt auch an Tagen mit wenig Energie.

Hier ist die viniyoga-nahe Forschung besonders anschlussfähig: Fouladbakhsh, Davis und Yarandi, 2013 untersuchten ein standardisiertes Viniyoga-Protokoll für Lungenkrebs-Überlebende und wählten „breathing ease" (Atemkomfort) als zentrale Zielgröße. Diese Schwerpunktsetzung passt sehr gut zu dem, was wir in der Praxis brauchen: ein Outcome, das subjektiv bedeutsam ist und gleichzeitig in unserer Unterrichtssprache gut vermittelbar bleibt.

Gleichzeitig zeigen Programme aus anderen Yogakontexten, dass Yoga auch bei Lungenkrebs sinnvoll integrierbar ist, wenn es symptomnah, sicher und unterstützend konzipiert wird – beispielsweise dyadische Programme mit Patient:in und Angehörigen (Milbury et al., 2015). Für uns ist das weniger eine Stilfrage als eine Frage der Didaktik: klare Wahlfreiheit, Einfachheit und Integration.

Prostatakrebs: Beckenraum, Langzeittherapien, Privatheit – und eine andere Form von „Körperthemen"

Prostatakrebs bringt andere Schwerpunkte als Brust oder Lunge. Häufig geht es um Phasen rund um Operation oder Strahlentherapie, nicht selten auch um Langzeittherapien wie die Androgenentzugstherapie. Typische Themen sind Erschöpfung, Schlaf, Stimmung, Steifigkeit – und urogenitale Beschwerden wie Harninkontinenz oder sexuelle Funktionsveränderungen. Dazu kommt ein didaktischer Faktor, den wir ernst nehmen sollten: Viele Männer sprechen darüber ungern in Gruppen. Das beeinflusst, wie wir anleiten.

Zwei Punkte sind hier zentral – und beide lassen sich sehr konkret in viniyoga-typische Unterrichtsentscheidungen übersetzen.

Erstens: Wir unterrichten den Beckenraum funktional, nicht intim. Praktisch heißt das: Wir arbeiten zuerst mit Entlastung und Koordination (langhana-Anmutung), bevor wir überhaupt an „Kräftigung" denken. Ein guter Einstieg ist ein ruhiger Atemfluss, bei dem der Unterbauch und der Beckenboden mit dem Atem mitschwingen dürfen, ohne dass wir etwas „machen" müssen. Du kannst das neutral anleiten: „Spür, wie der Ausatem dich eher nach innen sammelt – ohne zu pressen." Dann folgen kleine, gut dosierbare Bewegungen, die Becken und Hüften koordinieren, ohne zu fordern: Beckenkippung in Rückenlage, sanfte Hüftbewegungen (z. B. Knie im kleinen Radius), später im Stand eine stabile Beinachsenarbeit.

Howto (1:1 oder Gruppe, 20–35 Minuten, ohne intime Sprache)

  1. Ankommen (2–4 Min.): Śavāsana mit aufgestellten Füßen oder ein stabiler Stuhlsitz. Fokus auf Kontaktpunkte und ruhigen Ausatem (kein Kumbhaka).
  2. Koordination Becken–Atem (4–6 Min.): In Rückenlage kleine Beckenkippung im Atemrhythmus (Einatmen: minimal Weite, Ausatmen: minimal Sammeln). Optional: ein Bein nach dem anderen in ein sehr kleines Apānāsana, nur soweit der Atem weich bleibt.
  3. Hüfte/Beinachsen als „Stabilität" (6–10 Min.): Im Stand Tāḍāsana-Anmutung (ggf. Wand), dann sehr kleine Gewichtsverlagerungen; als Option ein kurzer Schritt in einen weiten Stand (Vīrabhadrāsana-Anmutung, ohne tiefe Position), Fokus: „Beine tragen – Becken bleibt frei."
  4. Regulation statt Leistung (3–6 Min.): Ausatembetonte Atemführung oder Summen (Bhrāmarī), um Tonus zu senken. Bei vielen Männern ist das der Schlüssel: weniger Spannung, mehr Differenzierung.
  5. Integration (5–8 Min.): Rückenlage oder Sitz – Nachspüren (Pratyāhāra). Ein Satz zur Selbstwirksamkeit: „Was fühlt sich jetzt im unteren Rücken/Beckenraum ein wenig ruhiger an?"

Wenn du später dosiert kräftigen willst, bleibt die Viniyoga-Logik dieselbe: kurz, klar, integrierbar. Sinnvoll sind eher funktionale Impulse (z. B. stabiles Stehen, ruhige Übergänge, kurze Haltezeiten) als isoliertes „Beckenboden anspannen". In vielen Situationen ist es sogar fachlich stimmiger, zunächst Übertonus zu reduzieren, bevor überhaupt an „mehr Kraft" gedacht wird.

Zweitens: Wir gestalten das Setting so, dass Privatheit möglich bleibt. Das beginnt bei der Sprache – Einladungen statt Aufforderungen – und zeigt sich in der Struktur der Stunde. Du bietest Optionen so an, dass niemand erklären muss, warum er oder sie etwas auslässt. Bewährt haben sich Formulierungen wie: „Nimm die Variante, die heute diskret und gut machbar ist" oder „Du kannst jederzeit bei der Grundform bleiben." Körperthemen werden als Hüfte–Becken–unterer Rücken-Funktion gerahmt, nicht als „Intimbereich". In Gruppen helfen außerdem klare Rahmen: keine Hands-on-Korrekturen, keine Nachfragen zu Symptomen im Plenum, und ein neutraler, wiederholbarer Übungsaufbau.

Referenzanker: Dass Yoga bei Prostatakrebs v. a. in Bereichen wie Fatigue, Lebensqualität und funktionellen Symptomen untersucht wird, zeigen die randomisierte Phase-II-Studie während Strahlentherapie (Ben‑Josef et al., 2017) und die systematische Übersicht bei Prostata-Überlebenden (Boopalan et al., 2024). Für die viniyoga-typische Umsetzung stützen wir uns zusätzlich auf die Grundprinzipien von Krama, Dosierung und individueller Anpassung (Desikachar, 1995).

Gemeinsame Nenner und klare Unterschiede

Über alle drei onkologischen Felder hinweg bleiben unsere Hauptziele erstaunlich konstant: Lebensqualität, Schlaf, Erschöpfung und psychisches Befinden. Was sich unterscheidet, ist der Weg dorthin – und damit der rote Faden einer Stunde. Bei Lunge ist Atemkomfort die Basis; bei Prostata ist es der Beckenraum (funktional und schamsensibel) plus Schlaf und Stressanker; bei Brust stehen in frühen Phasen häufig Schultergürtel/Brustraum und gegebenenfalls das Lymphsystem im Vordergrund.

Module, die tragen: Symptomprofile in Stundenbilder übersetzen

In den letzten Kapiteln haben wir Phasen (Kap. 5) und drei onkologische Felder (Kap. 6) unterschieden. Für die Unterrichtspraxis ist damit der wichtigste Schritt noch nicht getan: die Übersetzung in ein Stundenbild, das auf die aktuellen Symptome reagiert – ohne zu „medizinisch" zu werden.

Viniyoga bietet dafür eine sehr robuste Grammatik: Wir wählen ein Ziel, setzen wenige Mittel, dosieren fein und lassen Rückmeldung zur nächsten Einheit werden. Dieses Vorgehen ist in der Krishnamacharya-Tradition als Unterrichtslogik angelegt (Krishnamacharya, 1934) und wird in moderner, therapeutischer Sprache gut beschrieben (Mohan & Mohan, 2004; Kraftsow, 1999). Der folgende Baukasten ist kein Rezeptbuch, sondern ein Set an Modulen, die du je nach Symptomprofil kombinieren kannst.

Ein Viniyoga‑Raster für die Planung

Praktisch bewährt sich ein kurzes Raster, das du vor jeder Stunde (und auch für eine Heimpraxis) innerlich durchgehst:

  • Was ist heute das Ziel? (z. B. Schlaf, Atemkomfort, weniger Erschöpfung, mehr Stabilität)
  • Welche Ressourcen sind da? (Tagesenergie, Beweglichkeit, Aufmerksamkeit, Motivation)
  • Welche Risiken begrenzen die Form? (Atemnot, Schwindel, Neuropathie, Knocheninstabilität, postoperative Einschränkungen)
  • Welche Form passt zum Kontext? (Gruppe/1:1, online/präsenz, Raum/Props, Zeitfenster)

In Viniyoga-Sprache heißt das: Krama vor „schöner Sequenz". Das Modul, das heute trägt, ist nicht unbedingt das, das „am meisten Yoga" zeigt.

Modul A – Schlaf und nächtliches Grübeln: ausatembetont, bodennah, erinnerbar

Schlaf ist in der Onkologie häufig ein Dreh- und Angelpunkt: Wenn Schlaf stabiler wird, werden Fatigue, Schmerzempfinden und emotionale Reizbarkeit oft indirekt besser handhabbar. Forschungsseitig gibt es für Yoga-Interventionen bei Brustkrebs eine wachsende Evidenz für Verbesserungen der Schlafqualität (Zhu et al., 2023; Liu et al., 2024).

Didaktisch ist das Schlaf-Modul fast immer langhana-orientiert: Wenige Formen, langsame Übergänge, viel Integration, und eine Atemführung, die nicht fordert.

Ein stimmiges Abend-Stundenbild (20–30 Minuten) könnte so aussehen:

  1. Ankommen im Stuhlsitz (Sukhasana am Stuhl) oder in Rückenlage: dṛṣṭi weiten, Kontaktpunkte klar.
  2. Rückenlage: Apānāsana (ein Bein nach dem anderen), danach Beckenkippung im Atemrhythmus.
  3. Setu Bandha Sarvāṅgāsana-Vinyāsa klein und dynamisch (kein Halten): „Einatmen – minimal heben; Ausatmen – weich zurück."
  4. Optional: Jathara Parivartānāsana sehr klein (nur wenn angenehm, ohne Zug).
  5. Supta Baddha Koṇāsana oder gut gelagerte Śavāsana-Variante.
  6. Atem: ausatembetont, gern mit leiser Summ-Qualität (Bhrāmarī), ohne Kumbhaka.

Für die Heimpraxis lohnt sich eine extrem schlanke Variante (5–8 Minuten), die wirklich jeden Abend machbar ist: zwei Minuten Ankommen, zwei Minuten Apānāsana (ein Bein), zwei Minuten Summ-Ausatem, ein bis zwei Minuten Nachspüren.

Modul B – Fatigue: zwischen Tragfähigkeit und Regulation unterscheiden

Krebsassoziierte Fatigue ist kein „Müdigkeitsproblem", das man wegtrainiert. Sie ist ein komplexes Symptom – und sie verlangt eine Praxis, die zwischen Aktivierung und Regulation unterscheiden kann. Cochrane-Evidenz zeigt, dass Yoga Fatigue wahrscheinlich verbessern kann, insbesondere nach Abschluss einer Krebstherapie; während laufender Therapie sind Effekte oft kleiner und stärker abhängig von Dosierung und Kontext (Messer et al., 2025). Dose-Response-Daten aus Brustkrebs-Survivorship deuten zudem darauf hin, dass Umfang und Regelmäßigkeit einen Unterschied machen – aber nicht linear nach dem Motto „mehr ist besser" (Liu et al., 2024).

In der Unterrichtspraxis hat sich eine einfache Unterscheidung bewährt: Fatigue mit innerer Unruhe (braucht zuerst Regulation) versus Fatigue mit „Wattigkeit"/Antriebslosigkeit (braucht zuerst Tragfähigkeit).

Ein tragfähiges „Morgen-Modul" (15–25 Minuten), das nicht überfordert:

  1. Sitz: kleine Wirbelsäulen-Vinyāsa (Marjaryāsana im Stuhl), dann ein klarer Ausatem.
  2. Stand an der Wand: Tāḍāsana-Anmutung, Gewichtsverlagerungen, zwei bis vier ruhige Schritte vor/zurück.
  3. Kurze Standform-Idee: Vīrabhadrāsana-Anmutung (hoch, nicht tief), nur wenige Atemzüge.
  4. Bodennah integrieren: Apānāsana, dann Śavāsana.

Wenn die Energie sehr niedrig ist, wird das Modul kleiner: Sitz + Beckenvinyāsa + Atem + Integration. Das wirkt „weniger", ist aber oft genau das, was Kontinuität ermöglicht.

Modul C – Atemkomfort/Dyspnoe: Sicherheit vor „Atemtechnik"

Dieses Modul knüpft an Kap. 6.2 an und ist vor allem dann zentral, wenn Atemnot oder Atemangst die Stunde dominiert (bei Lungenkrebs, nach Operationen oder bei dekompensierter Belastbarkeit). In einer viniyoga-nahen Pilotstudie wurde Atemkomfort („breathing ease") als zentrales Outcome gewählt – genau die Zielgröße, die wir in der Praxis brauchen (Fouladbakhsh et al., 2013).

Das Modul lebt von drei Entscheidungen: Position, Rhythmus, Integration.

  • Position so wählen, dass der Atem Raum bekommt (Oberkörper höher, Seitenlage oder Stuhlsitz).
  • Rhythmus ausatembetont und schlicht (kein Zählen, wenn es stresst; kein Kumbhaka).
  • Integration großzügig: Nachspüren ist nicht „Bonus", sondern Teil der Symptomarbeit.

Der Atemnot-Anker aus Kap. 6.2 kann hier als Mini-Praxis in jeder Stunde vorkommen – und wird so zur Selbstwirksamkeitsressource.

Modul D – Beckenraum/Prostata: funktional, schamsensibel, stabilisierend

Für Prostatakrebs ist die Evidenzlage kleiner als bei Brust, aber es gibt gut zitierfähige klinische Anker: Yoga während Strahlentherapie zeigte in einer randomisierten Studie günstigere Verläufe u. a. bei Fatigue sowie urogenitalen Funktionsbereichen (Ben‑Josef et al., 2017). Eine systematische Übersicht diskutiert die wachsende Studienlage bei Prostata-Überlebenden (Boopalan et al., 2024).

Didaktisch bleibt das Modul neutral: Wir sprechen über Hüfte–Becken–unteren Rücken, über Stabilität und Entlastung – nicht über „Beckenbodenübungen" als Pflichtprogramm. Eine stimmige Sequenz (20–35 Minuten) beginnt bodennah (Beckenkippung, Apānāsana klein), führt dann in tragfähige Standarbeit (Tāḍāsana-Anmutung, weite Schrittstellung, kurze Halte) und endet regulierend (Summ-Ausatem, Nachspüren). Der entscheidende Punkt ist Wahlfreiheit: Das Modul muss in Gruppen so angeboten werden, dass niemand etwas „preisgeben" muss.

Modul E – Sensorische Anker: Viniyoga‑kompatibel, wenn Dosierung klar ist

Wir arbeiten in eigener Praxis auch mit sensorischer Sensibilisierung – und das lässt sich gut viniyoga-kompatibel einbetten, wenn wir es als dosierbaren Reiz verstehen, nicht als „Therapietrick". Im Sinne von Pratyāhāra (Rückzug der Sinne) kann ein klar gesetzter, milder Sinnesreiz den Fokus bündeln, Dissoziation reduzieren und Orientierung stärken.

Für Yoga-Lehrende sind hier drei Leitplanken hilfreich:

  • Ein Reiz, ein Ziel. Beispielsweise: Fußsohlenwahrnehmung zur Stabilität (Neuropathie/Unsicherheit), oder ein kühles Tuch als Wach-Anker bei „Wattigkeit".
  • Kurz und rückmeldungsfähig. Lieber 10–30 Sekunden, dann Nachspüren, als „lange bearbeiten". Der Körper soll die Erfahrung integrieren können.
  • Sicherheit und Zustimmung. Keine Extremreize, keine Arbeit an offenen Wunden, keine Kälte bei ausgeprägter Sensibilitätsstörung oder wenn es als unangenehm/stressend erlebt wird.

Konkrete, einfache Formen, die sich gut in ein Stundenbild integrieren:

  • Tennisball unter dem Fuß im Stand an der Wand: sehr klein rollen, dann Tāḍāsana-Anmutung und spüren.
  • Weiches Tuch/Handtuch als Kontaktpunkt (Handflächen oder Nacken), um „hier und jetzt" zu markieren.
  • Mild kühles Tuch kurz an Stirn/Handgelenk, dann sofort in ruhigen Ausatem und Nachspüren.

Rückmeldung als Praxis: messen, ohne zu vermessen

Wenn wir Module kombinieren, brauchen wir ein Minimum an Feedback – nicht, um zu „evaluieren", sondern um Passung zu lernen. Ein sehr einfaches Vorgehen ist ausreichend: Vor und nach der Stunde eine 0–10-Skala für das heutige Hauptthema (Schlafdruck, Atemkomfort, Erschöpfung, Schmerz). Das unterstützt Selbstwirksamkeit, weil der Zusammenhang zwischen Tun und Wirkung sichtbar wird (Bandura, 1977). In einer qualitativen Untersuchung zur 1:1-Praxis im therapeutischen Viniyoga wird genau dieses Lernen über „state change" und tägliche Praxis als zentraler Prozessfaktor beschrieben (Vasquez et al., 2025).

Sicherheit und Zusammenarbeit: Leitplanken für gute Kommunikation

Sicherheit ist in der Onkologie kein „Extra", sondern Teil guter Didaktik. Die Exercise-Oncology-Literatur ist hier erfreulich klar: Bewegung ist für die meisten Menschen mit und nach Krebs grundsätzlich sicher und sinnvoll, wenn sie angepasst, dosiert und an das aktuelle Befinden gekoppelt wird (Campbell et al., 2019; Schmitz et al., 2010). Für uns als Yoga-Lehrende heißt das: Wir müssen weder ängstlich werden noch leichtfertig – wir brauchen Leitplanken, die ein sukha-Erleben ermöglichen und ahimsa (Nicht-Schaden) ganz praktisch umsetzen.

Die kurze Sicherheitsabfrage vor der Stunde – Viniyoga-kompatibles Screening

Eine Viniyoga-Stunde beginnt nicht mit „Was ist heute dran?", sondern mit „Was ist heute möglich?". Dazu reicht oft eine kurze, klare Abfrage – ohne Diagnosedetails und ohne medizinische Exploration.

Du kannst vor jeder Einheit (Gruppe oder 1:1) drei Fragen stellen:

  • Hat sich seit dem letzten Mal etwas verändert, das für Bewegung relevant ist? (z. B. neue Schmerzen, Schwindel, stärkere Atemnot, Fieber, Sturz, neue Medikamente)
  • Was ist heute dein Energieniveau? (ganz grob, z. B. „wenig – mittel – gut")
  • Gibt es vom Behandlungsteam konkrete Bewegungsgrenzen oder Warnhinweise?

Damit überträgst du ein Prinzip aus der Bewegungstherapie in unsere Unterrichtssprache: „Start low, go slow" – und vor allem: Rückmeldung wird zur Praxis (Schmitz et al., 2010; Campbell et al., 2019). In Viniyoga-Logik ist das Krama: Wir bauen vom Sichersten aus auf, statt eine Stunde „durchzuziehen".

Knochenmetastasen, Osteoporose, Frakturrisiko – Stabilität vor Hebel

Viele Yoga-Lehrende sind unsicher, sobald das Wort „Knochenmetastasen" fällt – häufig aus Sorge, durch Bewegung etwas zu „verschlimmern". Die aktuelle Evidenzlage geht in eine andere Richtung: körperliche Aktivität ist auch bei Knochenmetastasen grundsätzlich erwünscht, wenn Screening, Belastungssteuerung und Sicherheitsregeln professionell gestaltet sind (Campbell et al., 2022; Hart et al., 2022).

Für unseren Unterricht heißt das nicht, dass wir „Training" machen müssen. Es heißt, dass wir Hebel reduzieren und Stabilität erhöhen:

  • Wir vermeiden EndRange an der Wirbelsäule, besonders starke Vorbeugen unter Last und tiefe Rotationen. Stattdessen: kleine Bewegungsradien, vinyāsaartig, mit viel Integration.
  • Wir bevorzugen tragfähige, gut unterstützte Formen: Tāḍāsana-Anmutung an der Wand, Stand-Varianten mit klarer Beinachse, Stuhl-Sitz als Grundform.
  • Wir arbeiten eher dynamisch als „lange halten", wenn Haltearbeit Tonus, Zittern oder Schutzspannung triggert.

Wenn bekannt ist, dass Metastasen an Wirbelsäule, Becken oder langen Röhrenknochen vorliegen, ist eine Rücksprache mit dem Behandlungsteam sinnvoll – nicht, um Yoga „abzusegnen", sondern um wenige, konkrete Informationen zu bekommen: Gibt es Bewegungen, die explizit zu vermeiden sind? Gibt es frische Frakturen oder eine akute Instabilität? (Campbell et al., 2022; Hart et al., 2022).

Blutbild, Infektanfälligkeit, Port – praktisch im Yogaraum gedacht

Während Chemo oder bestimmten Immuntherapien können Blutwerte schwanken und Infektanfälligkeit steigen. Als Yoga-Lehrende diagnostizieren wir nichts – aber wir können Settings so gestalten, dass sie sicherer werden: gute Lüftung, saubere Matten/Materialien, keine überfüllten Räume, bei Bedarf OnlineOption.

Als generelle Leitplanke gilt: Bei Fieber, akuter Infektion, ungeklärtem Schwindel, neu aufgetretener starker Atemnot oder plötzlichem, ungewöhnlichem Schmerz wird nicht „durchgeübt" – dann ist Pause und medizinische Abklärung die stimmige Form von ahimsa (Schmitz et al., 2010). In der Stunde selbst ist die Stop-Regel einfach: Wenn Symptome zunehmen statt sich zu regulieren, gehen wir sofort in eine einfachere Grundform (Sitz oder Lagerung) und integrieren.

Ein Port oder ein frisch operiertes Gebiet ist keine Yoga-Kontraindikation, aber ein Hinweis auf Wahl der Lage und der Last: kein Druck auf sensible Bereiche, keine „Held:innen-Positionen", die Schutzspannung provozieren. Auch hier hilft das viniyoga-typische Vorgehen: Form folgt Funktion, und Funktion folgt dem Tageszustand.

Lymphsystem, Schultergürtel, Arm‑Last – nüchtern und evidenzbasiert

Gerade im Brustkrebs-Kontext ist das Lymphsystem ein Thema, das rasch mit Verboten aufgeladen wird („nichts heben", „Arm schonen"). Die Forschung der letzten Jahre zeichnet ein differenzierteres Bild: langsam progressives, gut begleitetes Krafttraining hat bei bestehendem Lymphödem die Schwellung nicht erhöht und war mit weniger Exazerbationen und besseren Symptomen assoziiert (Schmitz et al., 2009).

Für Yoga heißt das: Wir müssen nicht „trainieren", aber wir dürfen Arm und Schulterarbeit dosiert und symptomnah anlegen – und vor allem: Wir vermeiden sprunghafte Lastspitzen. In der Praxis bewährt sich ein dreistufiger Aufbau:

  • Brustraum und Schultergürtel entlasten: Rückenlage-Vinyāsa klein (z. B. Arme nur so weit, wie der Atem weich bleibt), viel Nachspüren.
  • Mobilisieren, ohne zu ziehen: sanfte Öffnungen, die nicht am Endpunkt „hängen"; eher sukṣma-vinyāsa als Dehn-Ambition.
  • Tragfähigkeit im Alltag: kurze, leichte Stützanteile nur, wenn sie eindeutig gut verträglich sind (z. B. Wandstütz statt Bodenstütz).

Wenn ein Lymphödem vorliegt, ist eine schlichte, klare Verabredung hilfreich: Bei neuer Schwellung, Rötung, Überwärmung oder Schmerz wird pausiert und medizinisch abgeklärt. Yoga kann als Selbstmanagement-Baustein sinnvoll sein, aber nicht als Ersatz für lymphologische Abklärung (Loudon et al., 2014).

Zustimmung, Grenzen, Sprache – ahimsa im Umgang

Onkologische Erfahrungen sind häufig auch Grenzerfahrungen: körperlich, emotional, manchmal traumatisch. Deshalb ist unsere Unterrichtsqualität nicht nur eine Frage der richtigen Āsana, sondern der Zustimmungskultur.

  • Keine Hands-on-Korrekturen in onkologischen Gruppen – nicht aus Dogma, sondern weil Nebenwirkungen, Schmerzschwellen und Privatheit so unterschiedlich sind.
  • Optionen so anbieten, dass Auslassen normal ist: „Du kannst jederzeit bei der Grundform bleiben."
  • Sprache neutral halten, besonders bei urogenitalen oder Körperbild-Themen: funktional sprechen (Becken/Hüfte/unterer Rücken), nicht intim.

Diese Haltung ist mit Viniyoga vollständig kompatibel: Individualisierung ist nicht „Sonderfall", sondern Kern der Methode.

Zusammenarbeit: Wann du Rücksprache suchst – und wie knapp das sein darf

Interprofessionelle Zusammenarbeit muss nicht kompliziert sein. Oft genügt eine knappe Rückfrage (über die Patient:in selbst oder – wenn möglich – schriftlich): Gibt es Bewegungen, die vermieden werden sollen? Gibt es besondere Risiken (z. B. instabile Knochen, akute Herz-/Lungenprobleme)?

Besonders sinnvoll ist Rücksprache, wenn:

  • Knochenmetastasen oder sehr fragiles Knochensystem bekannt sind (Campbell et al., 2022; Hart et al., 2022).
  • neurologische Ausfälle / ausgeprägte Polyneuropathie die Standsicherheit deutlich beeinträchtigen (dann: Stuhl und Wand-Logik).
  • ungeklärte, rasch zunehmende Atemnot den Alltag dominiert (dann: medizinische Abklärung vor Belastungsaufbau).

Und ganz praktisch: Du kannst dein eigenes Vorgehen so dokumentieren, dass es professionell wirkt, aber nicht bürokratisch wird: Ziel der Stunde (z. B. Schlaf), gewählte Module (z. B. langhana-Sequenz + Ausatem-Anker), Reaktion (z. B. „Atemkomfort besser"), nächste Anpassung. Das ist nicht „Therapieakte", sondern die Viniyoga-Form von Qualitätsarbeit.

Erwähnte Asanas

ApanasanaSavasanaTadasanaSukha AsanaSetu Bandha SarvangasanaSupta Baddha KonasanaDvipada PithamVirabhadrasana I

Autorin

Nikola Knorr

Yogalehrerin (EYU), Yogatherapeutin, Gestaltpsychotherapeutin

Co-Autor

Wolfram Michallik

Diplom-Psychologe, Redaktion

© Nikola Knorr