Definition
Ekāgratā bezeichnet im Yoga die Fähigkeit, Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand oder Prozess auszurichten und dort zu halten. Sie beschreibt einen Zustand einsgerichteter Sammlung, in dem Ablenkung deutlich reduziert ist.
Hintergrund
Der Sanskrit-Begriff ekāgratā setzt sich aus eka („eins") und agra („Spitze", „Punkt") zusammen und bedeutet wörtlich „Einspitzigkeit" oder „Einsgerichtetheit". In klassischen Yogatexten wird damit eine Qualität des Geistes beschrieben, der nicht zerstreut, sondern gebündelt ist.
In den Yoga Sūtras steht Ekāgratā im Zusammenhang mit der Entwicklung von Dhāraṇā (Konzentration) und Dhyāna (Meditation). Kommentierende Literatur weist darauf hin, dass stabile Aufmerksamkeit eine Voraussetzung für meditative Vertiefung darstellt (Bryant, 2009).
Ekāgratā ist dabei kein isoliertes Ereignis, sondern entwickelt sich durch wiederholte Übung (Abhyāsa) und innere Distanz (Vairāgya).
Bedeutung für die Praxis
Ekāgratā zeigt sich, wenn Aufmerksamkeit nicht ständig zwischen Reizen, Gedanken oder Impulsen springt. In der Praxis kann sie durch Atembeobachtung, Klang, einen visuellen Fokus (Dṛṣṭi) oder eine innere Ausrichtung unterstützt werden.
In der Krishnamacharya-Tradition und im Viniyoga wird Ekāgratā nicht forciert, sondern schrittweise entwickelt. Atemrhythmus, klare Sequenzierung (Krama) und angemessene Dosierung fördern eine natürliche Sammlung.
Gerade in belastenden Lebenssituationen kann Ekāgratā als Ressource erlebt werden: Die Fähigkeit, bei einem Atemzug, einer Bewegung oder einem Gedanken zu bleiben, vermittelt Stabilität und Orientierung. Damit wirkt sie regulierend auf citta und reduziert die Dynamik von citta-vṛtti.
Ekāgratā ist kein Ziel im Sinne von Perfektion, sondern eine kultivierbare Qualität von Aufmerksamkeit – Grundlage für Meditation und innere Klarheit.
Literatur
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Patañjali (ca. 4.–5. Jh.). Yoga Sūtra. Relevanz: Primärquelle für die Entwicklung von Konzentration und meditativer Sammlung.
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Bryant (2009). The Yoga Sūtras of Patañjali. North Point Press. Relevanz: Kommentiert die Rolle einsgerichteter Aufmerksamkeit im Übergang von Dhāraṇā zu Dhyāna.
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Feuerstein (2003). The Deeper Dimension of Yoga. Shambhala. Relevanz: Einordnung meditativer Bewusstseinsqualitäten im klassischen Yoga.
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Desikachar (1995). The Heart of Yoga: Developing a Personal Practice. Inner Traditions. Relevanz: Praxisorientierte Darstellung von Sammlung als Ergebnis angepasster Übung.